Am Samstag war ich bei der Einweihung von einem Windrad auf dem Langenhard bei Lahr in Baden-Württemberg dabei. Diese Worte habe ich an die Bürgerinnen und Bürger gerichtet:
Liebe Genossinnen und Genossen der OEKO-GENO,
liebe Nachbarn,
meine Damen und Herren,
Lieber Georg Hille,
als Du mich gefragt hast, ob ich hier dieses Windrad einweihen wolle, habe ich gerne Ja gesagt. Nicht weil es das erste Mal wäre, dass ich so etwas tue. Ich habe auch schon sehr viel größere Windparks eingeweiht – zuletzt Butendiek vor Sylt.
Nein, weil es hier am Langenhard etwas Besonderes ist.
Bürgerprojekt
Spöttisch könnte man sagen: Recycling lebt vom Mitmachen. Wo sich heute die E 115 von Enercon dreht, ist mal ein Windrad abgebrannt. Wir haben es also mit einem klaren Fall von Repowering zu tun. Es handelt es sich um eine für das Binnenland spezialisierte Anlage, die ihre 3,2 MW Nennleistung auch bei schwächeren Winden erreicht. Das neue Windrad auf dem Langenhard dürfte so den hier produzierten Strom verdoppeln. Glückwunsch.
Es gibt ja eine häufig aufgeregte Debatte um die Nabenhöhe von Anlagen. Ich will an dieser Stelle eine paradoxe Feststellung treffen: Hohe Masten helfen dem Landschaftsschutz. Es kann als Daumenregel dienen: 10 Meter mehr steigern die Stromausbeute um 10 %, 20 Meter um 20 %. 20 % hieße, man muss für die gleiche Ausbeute vier statt fünf Turbinen errichten. Wer Klimaschutz ernst nimmt und die Zahl der Turbinen begrenzen will, muss sich für höhere Anlagen einsetzen.
Aber das ist nicht der Grund, warum ich heute gekommen bin. Ich möchte den Bürgerinnen und Bürgern gratulieren, die dieses Projekt möglich gemacht haben. Dieses Windrad steht dafür, was die deutsche Energiewende besonders macht. Es ist die Energiewende der Bürgerinnen und Bürger.
Gelebte Zukunft
Oder sollte man sagen, es war die Energiewende der Bürgerinnen und Bürger? „Die Energiewende ist nicht mehr aufzuhalten“ hat Sigmar Gabriel vor kurzem verkündet. Wie Wahr. Zur ganzen Wahrheit gehört aber auch, dass Gabriel nach Kräften dennoch versucht, sie aufzuhalten. Die Energiewende, der Umstieg auf Erneuerbare Energien, die Produktion von Strom, Wärme, Mobilität aus sauberen Quellen wird momentan von der Großen Koalition nach Kräften versucht zu deckeln.
- Mit Ausschreibungszwang und Sonnen-steuer.
- Mit Stillstand bei der Gebäudesanierung.
- Mit Fortsetzen der Dieselsubventionen.
Deutschland war schon einmal viel weiter. Deutschland war unter Kohl und Töpfer ebenso wie mit Rot-Grün ein Vorreiter beim Klimaschutz – ein aktiver Treiber des Klimaprozesses. Letztes Jahr bei der Klimakonferenz in Paris war Deutschland Getriebener. Getrieben von Nichtregierungsorganisationen – das ist normal. Getrieben aber auch von einem Abkommen zwischen den USA und China für den Klimaschutz, die beide massiv auf den Ausbau Erneuerbarer Energien setzen. Das ist peinlich.
Dabei hatten wir doch die besten Voraussetzungen: Die Energiewende ist Ausstieg und Einstieg. Ausstieg aus der Atomenergie und Einstieg in Erneuerbare, Effizienz und Energieeinsparung. Statt – so mein EEG von 2000 – im Jahr 2020 20 % Anteil Erneuerbaren Strom zu haben, produzieren wir 2016 ein Drittel des Stroms erneuerbar. Hat damals niemand für möglich gehalten. Wir wurden verlacht, da der Anteil technisch nie über 8% liegen könne.
Die Erneuerbaren sind eine Erfolgsgeschichte in Deutschland.
- In Deutschland wurden in den letzten Jahren jährlich über 20 Milliarden € in neue Stromerzeugungsanlagen investiert. Das gibt es in keinem anderen Land Europas.
- In diesen Anlagen werden jährlich gut 15 Mrd. € umgesetzt, davon profitieren Landwirte, Bürgergenossenschaften und Fonds.
- Entstanden ist eine exportstarke Industrie, in der zeitweilig bis zu 390.000 Menschen arbeiteten, in Europa sind es 600.000.
Dieses hat globale Auswirkungen.
- Mit diesen Erneuerbaren Energien wurden 2014 nicht nur gut 151 Mio. t. Treibhausgase eingespart.
- Wir haben trotz gesunkener Strom- und Gaspreise gut 9 Mrd. Importkosten gespart – Geld, das sonst bei Putin, Abdallah oder anderen Despoten gelandet wäre. So geht Energiesicherheit.
Das Wichtigste aber: Die Erneuerbaren Energien wurden so weltweit preiswert. Durch die stürmische Entwicklung und die damit verbundene technologische Lernkurve sank der Preis für Strom aus Windkraft um 80 %, für Fo-tovoltaikstrom sogar um 90 %. Die Deutsche Energiewende hat die Erneuerbaren weltweit wettbewerbsfähig gemacht. Mit 147 Gigawatt wurden auch letztes Jahr erneut mehr erneuerbare als fossile Kapazitäten installiert.
Und der Trend hält an. In China, in Indien, in den USA überall boomen Erneuerbare.
- 268 Milliarden US-Dollar wurden weltweit im Jahr 2013 in Erneuerbare Energien investiert!
- 2014 waren es schon 310 Milliarden – knapp die Hälfte davon, 150 Milliarden, in Solarkraft.
- China hat 2014 30 Milliarden mehr investiert in Erneuerbare Energien als alle europäischen Länder gemeinsam – fast so viel wie Europa und die USA gemeinsam.
Große Koalition auf der Bremse
Leider droht dies an Deutschland künftig vorbei zu gehen. Hier wird versucht, die Energiewende zu deckeln. 40 000 Arbeitsplätze hat das Verbot von Foto-voltaik in der Freifläche und die Einführung der Sonnensteuer gekostet. Durchgesetzt von einer Regierung, die sich Sorgen um 20 000 Arbeits-plätze in der Braunkohle macht. Darauf angesprochen behauptet Sigmar Gabriel er könne auch nichts dafür. Der Chinese habe seiner Billigproduktion die deutsche Zellenproduktion – auch hier in Freiburg – vertrieben.
Das ist nicht einmal die Hälfte der Wahrheit. Die meisten Arbeitsplätze entstanden im Bereich Errichtung, Montage und Wartung – und da ist es egal, wo die Module herkommen. Und wenn das stimmt, ist Angela Merkel eine Chinesin. Sie hat Fotovoltaik auf der Freifläche verboten. Das war das Ende von über 250 Arbeitsplätzen und von First Solar in Deutschland. Aber nur in Deutschland. First Solar, von Merkel aus Brandenburg vertrieben, baut heute mit Apple in Coppermine den größten Solarpark der Welt. Es ist falsche Industriepolitik in Deutschland Zukunftsindustrien abzuwürgen um die großen Energiekonzerne zu schützen. Wir brauchen eine moderne Industriepolitik. Europa muss sich Gedanken machen, in Schlüsseltechnologien nicht den Anschluss an die Weltspitze zu verlieren. Low Carbon Industries sind ein weltweiter Schüsselsektor.
- Für die Bereiche Fotovoltaik, Wind, Biok-raftstoffe, innovative Fahrzeugantriebe, Smart Grids und Speichertechnologien werden jeweils 100 Mrd. Euro Wachs-tumspotential bis 2020 geschätzt.
Hier in Lahr sehen Sie Zukunft. Das Merkel-Gabriel-EEG will uns in die Vergangenheit zurück schicken.
Bürgerenergie für Klimaschutz
Es will, dass Strom künftig wieder von RWE, E.ON und Co, von den großen Energiekonzernen produziert wird. Doch, wenn es den großen Vier heute schlecht geht, dann haben sie es selbst so gewollt.
- Sie haben unser Angebot, mit Erneuerbaren Geld zu verdienen, zehn Jahre ausgeschlagen.
- Sie haben mit der Laufzeitverlängerung gegen die Energiewende gewettet.
Diese vier Energieriesen hatten im Jahr 2002 noch einen Marktanteil von 87%. Heute beträgt der Marktanteil bei den Groß-kunden nur noch 34 Prozent, bei den KMUs und Haushalten knapp 40 Prozent. 2007 besaßen die großen vier noch mehrheitlich über 85 Prozent der Stromerzeugungskapazitäten – im Jahr 2013 war ihr Anteil schon auf 68 Prozent geschrumpft. Auf dem deutschen Energiemarkt gab es lange keinen Markt. Er entstand erst durch das EEG – das Erneuerbare-Energien Gesetz. Es entstand durch Genossenschaften wie die OEKOGENO. Das Drittel erneuerbarer Strom ist ziemlich konzernfrei, es gehört Bauern, Bürgergenossenschaften, Stadtwerken und den Einlegern von Fonds.
Das EEG wurde zum Einfallstor der Bürger in die Stromerzeugung. Es sorgte für mehr Markt, mehr Wettbewerb und weniger Oligopol. Genau das will die Große Koalition ausbremsen. Gerade der Wind – die preisgünstigste Form heute Strom zu erzeugen- soll gedeckelt werden.
- Aus dem Ziel 50 % des Stroms erneuerbar zu erzeugen wurde ein Deckel.
- Gedeckelt wurde auch der Zubau – künf-tig werden alte, ersetzte Anlagen nicht mehr gegengerechnet. Repowering wie hier soll sich nicht mehr lohnen. Diese Re-gelung wird in manchen Jahren Zubau generell verunmöglichen.
- Statt einer kalkulierbaren sinkenden Ein-speisevergütung, soll es künftig Aus-schreibungen geben. Da können Energie-genossenschaften wie die OEKOGENO viel-fach nicht mehr mithalten. Sie haften dann auch, wenn ein Projekt nicht reali-siert werden kann. Dabei sind heute schon die Hürden für die Realisierung von Projekten hoch – vom Birkhuhn bis zum sogenannten Infraschall.
- Das Irreste aber – während teurer Offs-hore-Strom weitergefördert werden soll, wird der billige Onshore-Strom im Nor-den gedeckelt. Weil es angeblich nicht genug Leitungen gibt – durch die schicken übrigens On- wie Offshore ihren Strom.
Dabei wäre es ein leichtes, die Netze zu entlasten. Wir müssten nur endlich die überflüssigen Kohlekapazitäten vom Netz nehmen – dann müssten wir keine CO2-freien Windräder zugunsten CO2-Schleudern mit Braunkohle teuer abregeln. Wir zahlen EEG-Umlage damit das Klima belastet wird. Investment in Erneuerbare, Effizienz und Energieeinsparung kommt nicht von selbst. Sie brauchen einen Rahmen. Deshalb ist das Klimaabkommen von Paris so wichtig. Es setzt diesen Rahmen. Und will ihn kontrollieren.
Doch genau das droht Deutschland nun zu reißen. Weil die Bundesregierung einen geordneten Ausstieg aus der Kohle blockiert. Das ist klimapolitisch falsch – und ökonomisch dumm. Rechnet man alle bekannten Vorräte an Gas, Öl und Kohle in CO2 um, sind das gut 3 000 Gigatonnen. Die durch Verbrennen in die Atmosphäre zu schicken, können wir uns nicht leisten. Dann steigt die Temperatur um 4 bis 5 °C. Rechnet man das Zwei-Grad-Ziel von Paris in die Menge an CO2 um, die wir global überhaupt noch ausstoßen können, dann kommt man auf ein Budget von rund 565 Gigatonnen. So viel dürfen wir überhaupt noch verbrennen.
Das heißt, wir dürfen heute kaum noch ein Fünftel der heute förderbaren Reserven an Öl, Gas und Kohle verfeuern. Also fangen wir doch endlich an, damit aufzuhören! Wir haben doch Alternativen zu Hauf! Wir schalten sie sogar ab. Wir brauchen dafür andere politische Rahmenbedingungen. Auch um gigantische Fehlinvestitionen zu verhindern. Denn in den 3.000 Gigatonnen steckt sehr, sehr viel Geld. 7 Billionen $ sind der Wert für fossile Rohstoffe (im Energiebereich), die in den Büchern der 100 größten gelisteten Unternehmen weltweit stehen. Wenn wir davon aber nur ein Fünftel verbrennen dürfen, dann sind diese Billionen Dollar totes Kapital.
Hier bläht sich eine große Blase – eine Carbon Bubble – auf, die zu platzen droht. Milliardenrisiken für Banken – investiert in die Zerstörung des Klimas. Platzt diese Blase dann, geht die HBSC –größten Bank Europas – von einem Verlust von bis zu 60% ihres Unternehmenswertes aus.
Hier hilft nur eines – und zwar wirtschaftlich wie im Sinne des Klimaschutzes – raus aus den Fossilen Energien! Das ist wirtschaftlich klug. Das hat zum Beispiel gerade die Rockefeller-Stiftung verstanden. Die Erben des großen Ölmagnaten wollen kein Geld mehr in fossile Energien investieren. Dieser Trend wird immer stärker – wir sprechen von Divestment. Die CITIGROUP – immerhin Amerikas drittgrößte Bank – geht davon aus, dass bis 2025 pro Jahr weltweit 1 Billion Dollar in Erneuerbare Energien investiert werden. Und zwar aus Geld, das aus Anlagen in Öl, Gas und Kohle abgezogen wird.
Lahr vorn
Die Genossinnen und Genossen der OEKOGENO haben das schon früher erkannt als Rockefeller und CITIBANK. Hier auf dem Langenhard sieht man die Zukunft der Stromversorgung. Sie haben sich nicht deckeln lassen.
Dazu möchte ich Ihnen gratulieren. Wir brauchen Rahmenbedingungen, die Sie ermutigen und nicht entmutigen. Wir brauchen Ermächtigung der Bürgerenergie statt Ohnmacht. Die Energiewende wird nur gelingen, wenn der Wind nicht gedeckelt und die Sonne verschattet wird.
- Dafür brauchen wir ein EEG ohne Deckel.
- Dafür brauchen wir den Ausstieg aus der Kohle.
- Dafür brauchen wir mehr Erneuerbare Wärme.
- Dafür brauchen wir die Verkehrswende durch ein Ende der Dieselsubvention.
In diesem Sinn wünsche ich Ihnen viele ertragreiche Windtage. Alles Gute!
Foto: Creative Commons, Carsten Frenzl
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