Nachruf auf Helmut Lippelt: Vom Kartoffelhändler zum Nestor grüner Außenpolitik

Rede auf der BDK am 26.01.2018 in Hannover

Liebe Freundinnen und Freunde,

am 03. Januar ist im Alter von 85 Helmut Lippelt gestorben.

1 Mann im Fischerhemd

Helmut – das ist der Mann mit dem Fischerhemd den man auf vielen Fotos aus der grünen Gründerzeitzeit sieht.

Im Landtag in Hannover, im Bundestag trug er hingegen oft eine Strickkrawatte, um dann mit ausholenden Gesten seine Argumente zu unterstreichen.

Helmut war der Mann mit dem lauten Lachen. Im Haus Wittgenstein draußen vor den Toren Bonns wusste man immer, ob das Bundesvorstandsmitglied Lippelt in seinem Büro war, denn sein Lachen war im ganzen Haus zu hören.

Dieses Lachen ist nun für immer verstummt.

2 Ein großer Grüner

Mit Helmut Lippelt ist ein großer Grüner verstorben.

Ohne Helmut gäbe es uns Grüne – gäbe es Bündnis 90/Die Grünen so nicht.

Helmut Lippelt gehörte zu den Gründern der Grünen Liste Umweltschutz. Die niedersächsische GLU war eine der Gründungsorganisationen der Grünen.

Als sie sich mit anderen in Offenbach zum Gründungsparteitag der Sonstigen Politischen Vereinigung Die Grünen zusammenschloss, da galt es ein ganz breites Spektrum zusammen zu fassen.

Wer denkt, es gäbe Unterschiede zwischen Winfried Kretschmann und mir, muss wissen:

Diese Spannbreite ist nichts gegen das Spektrum das Helmut Lippelt zusammenbrachte.

Winfried und ich kamen aus dem Linksradikalismus und den zerfallenden Nachfolgeorganisationen der 68er.

Aber um die Grünen zu gründen mussten nicht nur einstige Linksradikale und ehemalige Sozialdemokraten wie Helmut Lippelt zusammenfinden. Nein, es gehörte ein Baldur Springmann ebenso dazu wie das CDU-Mitglied Herbert Gruhl, der Weltbund zum Schutze des Lebens ebenso wie August-Hausleitners Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher.

Zwischen all denen lief Helmut hin und her und überzeugte sie, dass es auch für sie besser sei, bei den Grünen dabei zu sein. Nur in dieser Breite war es möglich, gegen die ganz große Koalition der Pro-Atom- und Pro-Raketen-Parteien eine neue Partei gründete.

Die Grünen übersprangen sensationell die 5-%-Hürde. Das Drei-Partei-System war gesprengt. Zuerst hier in Niedersachsen – dann im Bundestag.

Wer Helmut fragte, wie er das gemacht hätte, erhielt eine Antwort.

„Ich war zehn Jahre Kartoffelhändler – da lernt man mit störrischen Bauern zu reden.“

Der Kartoffelhändler aus Lehrte hatte aber Geschichte studiert und über Thietmar von Merseburg promoviert. Aus dieser Studienzeit stammte seine Liebe zu England.

3 Der Grüne

Helmut Lippelt war ein leidenschaftlicher Parlamentarier. Aber früh schon stritt er dafür, dass die Grünen das Parlament nicht nur als Tribüne nutzten.

Hier, in dieser Halle, sprach er 1986 von einer „historischen Chance“ die wir Grünen nicht vorbeiziehen lassen dürften. 1986 – das war das Jahr von Tschernobyl. Als wir sofort aussteigen wollten aus der Atomenergie. Und deshalb müssten wir auf Rot-Grün setzen.

Doch damals wollte die SPD lieber weiter Ernst Albrecht im Leineschloss, als das Gerhard Schröder mit uns Grünen koalierte.

Doch Helmut hatte damit den Grundstein gelegt, dass es hier in Niedersachsen 1990 zur ersten rot-grünen Koalition kam, die eine volle Legislaturperiode durchhielt.

Helmut war inzwischen der Sprecher der Bundestagsfraktion. Umso bitterer war es für ihn, dass sich die West-Grünen im gleichen Jahr 1990 aus dem Bundestag schossen. Sie verwechselten Wetter mit Klima. Wir meinten Deutschland ginge uns nichts an.

Helmut Lippelt hatte das damals schon anders gesehen. Er hatte vielfältige Kontakte – nicht nur nach Ostdeutschland in die Bürgerbewegung, sondern auch nach Polen und Russland.

Vor allem aber wollte er sich seine Partei nicht kaputt machen lassen. 1991 drängte ein Bündnis von Realos und Regierungslinken die Fundis aus der Partei. Helmut arbeitete danach im Bundesvorstand der Grünen an der Fusion mit dem Bündnis 90.

Diese Fusion legt den Grundstein für unseren Wiedereinzug in den Bundestag. Hier in Hannover wurde die Urabstimmung dafür beschlossen.

Helmut Lippelt hatte so geholfen, die Partei ein zweites Mal neu zu gründen.

4 Der Außenpolitiker

Bündnis 90/Die Grünen zogen 94 in den Bundestag ein. Helmut scheute sich nicht, in der neuen Fraktion einen der schwierigsten Jobs zu übernehmen. Seine Leidenschaft für die Außenpolitik trieb ihn in die Koordination des Arbeitskreises für Friedens- und Sicherheitspolitik.

Und das mitten in den Kriegen auf dem Balkan.

Sein Besuch im Lager Omarska – zusammen mit Claudia Roth – der Anblick der Gefolterten und Ausgehungerten stürzten den Friedenspolitiker und Nachrüstungsgegner in eine tiefe Krise. Man könne nicht einfach zusehen in Bosnien – ohne mitschuldig zu werden.

Dass 1995 auf einer BDK in Bremen von Bündnis 90/Die Grünen beschlossen wurde, den Weg frei zu machen für eine Beteiligung Deutschlands an Einsätzen der Vereinten Nationen war auch sein Werk.

Helmuts Engagement aber erschöpfte sich nicht darin. Er wurde zum „Nestor grüner Außenpolitik“ insbesondere mit seinem Engagement gerade für Osteuropa und Russland.

Helmut Lippelt stand in der Tradition Brandt’scher Entspannungspolitik – aber ihn kümmerten immer die Menschen, immer die Zivilgesellschaft. Für ihn gab es keinen Russland-Besuch, der nicht bei Memorial begann. Deren Vorsitzender, der große Arsenij Roginskij starb nun wenige Wochen vor Helmut.

Für Helmut Lippelt musste Außenpolitik praktische operative Politik sein.

Heute hätte er sich mit Nachdruck dagegen gewehrt, wie der Autokrat von Tschetschenien, Ramsan Kadyrow versucht die Arbeit von Memorial im Nordkaukasus durch blanken Terror unmöglich zu machen. Dazu dürfen wir nicht schweigen.

Dieser Tradition fühlen wir Grünen uns bis heute verpflichtet.

5 Wendland

Der Bruch Helmuts mit der SPD aber begann in Gorleben. Mit dem schmutzigen Deal der sozialliberalen Bundesregierung mit Ernst Albrecht für ein Endlager an der Zonengrenze.

Helmut hatte am berühmten Gorleben-Treck aus dem Wendland 1979 in Hannover empfangen, als unzähligen Trecker nach Hannover kamen, um gegen das Atommüllendlager zu demonstrieren.

Mit Gorleben verbindet sich auch meine prägendste Erinnerung an Helmut. Einige Jahre später fuhren wir beide von Hannover in Helmuts Golf ins Wendland – der Landtagsabgeordnete und ich, sein Pressesprecher.

Helmut fuhr gerne Auto. Er fuhr gerne schnell Auto. Die Zahlen mit dem roten Kreis auf den Landstraßen sah er als Mindestrichtgeschwindigkeit.

Noch lieber aber erzählte er und verzichtete auch hinter dem Lenkrad nicht auf seine raumgreifende Gestik. Und ließ dazwischen sein lautes Lachen erklingen.

Ich habe auf dieser Fahrt viel über die Geschichte Gorlebens gelernt – und ich bin nie wieder so schnell ins Wendland gekommen.

Aber so werde ich Helmut in Erinnerung behalten:

Informiert, engagiert, ein leidenschaftlicher Atomkraftgegner.

Ich verneige mich vor einem großen Grünen. Danke Helmut für alles, was Du für uns getan hast.

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