Im Gespräch mit dem Göttinger Tageblatt am 05.01.2021 (GT) hält Jürgen Trittin (JT) die Verlängerung des Lockdowns für unabweisbar. Er fordert auch im Schulbetrieb die klare Befolgung der Empfehlungen des Robert Koch Instituts: Homeschooling und Wechselunterricht ab einer Inzidenz über 50. Die Fragen und Antworten finden Sie hier:
GT: Ist aus Ihrer Sicht eine Verlängerung des „harten Lockdowns“ sinnvoll?
JT: Die Verlängerung ist angesichts der stagnierenden Inzidenz und der voll laufenden Intensivstationen unabweisbar.
GT: Sind aus Ihrer Sicht Lockerungen für bestimmte Bereiche angezeigt (falls ja, für welche Bereiche – und wie könnten diese Lockerungen aussehen)?
JT: Solange die Inzidenz nicht deutlich unter 50 gebracht wurde, ist jede Diskussion um Lockerungen abwegig.
GT: Halten Sie Verschärfungen der bisherigen Regeln in bestimmten Bereichen für notwendig (falls ja, für welche Bereiche – und wie könnten diese Verschärfungen aussehen)?
JT: Schulen sind Infektionstreiber. Der Schutz der Schüler*innen und Lehrer*innen muss endlich wieder auf wissenschaftliche Basis erfolgen. Das RKI empfiehlt Wechselunterricht und Homeschooling ab einer Inzidenz über 50. Der willkürlich Beschluss von Grant Hendrik Tonne und der KMK, solche Maßnahmen erst ab einer von Inzidenz 200 zu ergreifen, ist verantwortungslos.
GT: Wären aus Ihrer Sicht zusätzliche bzw. andere Maßnahmen als bisher erforderlich, um die Infektionslage schneller in den Griff zu bekommen?
JT: Neben einem Verzicht auf Präsenzunterricht bedarf es einer besseren Organisation der Impfkampagne. Bei dem bisherigen Vorgehen bleiben von den knappen Dosen zu viele liegen. So wird es nicht gelingen, die Menschen über 80 bis Ende des Monats geimpft zu haben.
GT: Wirtschaftszweige wie der stationäre Einzelhandel, die Gastronomie und die Hotellerie leiden massiv unter den Folgen des Lockdowns. Was ist aus Ihrer Sicht jetzt sofort nötig, um gerade diese Branchen zu unterstützen?
JT: Die Hilfen müssen vor allem fließen. Und die Gewinner Coronakrise müssen ihren Beitrag leisten. Deshalb brauchen wir endlich die von Olaf Scholz bis heute blockierte Digitalsteuer um Konzerne wie Amazon zu besteuern. Hieraus kann dem örtlichen Einzelhandel geholfen werden.
GT: Ihre Einschätzung: Befürchten Sie insbesondere in den genannten Branchen unabhängig von etwaigen kurzfristigen finanziellen Hilfen eine Insolvenzwelle?
JT: Die bisherigen Hilfen haben auch Unternehmen gerettet, die auch ohne Corona vielleicht in Probleme geraten werden. Diese verzögerten Insolvenzen können eintreten.
GT: Wie bewerten Sie den Umstand, dass weiterhin jedes Bundesland – auch in Abhängigkeit des jeweiligen Infektionsgeschehens – seine eigenen Regeln definiert? Wie problematisch ist dies in einer Region wie Südniedersachsen – mit Hessen und Thüringen in direkter Nachbarschaft und NRW nicht weit entfernt?
JT: Es wäre gut, wenn hier mehr abgestimmt würde. Es muss, gerade für ältere Menschen, einfache und einheitliche Zugänge für das Impfen geben.
GT: Halten sich nach Ihrer Beobachtung die Menschen weiterhin diszipliniert an die Regeln, oder hat es hier im aktuellen Lockdown Veränderungen im Verhalten gegeben?
JT: Die große Mehrheit der Menschen verhält sich trotz der damit verbundenen Belastungen verantwortungsvoll.
GT: SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach fordert einen „unbefristeten Lockdown“, bis die Inzidenz auf durchschnittlich unter 25 sinkt. Was halten Sie von dieser Idee?
JT: Der Unterschied zwischen 25 und 50 ist ein anderthalb Wochen längerer Lockdown – dafür hätten wir einen Sicherheitspuffer den wir möglicherweise für die deutliche ansteckendere Mutation des Virus brauchen.
GT: Abschließend ein kurzer Blick in die Glaskugel: Wann werden wir – Ihrer Einschätzung nach – zu einer Normalität zurückkehren können, wie wir sie noch Anfang 2020 kannten?
JT: Wenn wir die Inzidenz auf deutlich unter 50 gebracht und hinreichend Menschen geimpft sind.
Zum Artikel des Göttinger Tageblatt gelangen Sie hier.
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