Wertkonservativer Rechtsbruch

Hausbesetzungen in Göttingen

Als ich 1973 das erste Mal nach Göttingen kam, fielen mir gleich zwei Bausünden auf: Die Stadthalle, die heute immer noch steht. Und das frisch abgerissene Reitstallviertel. Abgerissen nachdem die Besetzer geräumt wurden. Ersetzt durch einen Bau, der einst Hertie und heute das Carré beherbergt. Aus malerischen Ställen wurde ein Betonklotz.

Das Stadtbild und die Stadtentwicklung Göttingens sind ohne den Häuserkampf, ohne Räumungen, ohne Besetzungen nicht zu verstehen. Die Häuser in der Roten Straße, Wohnheime wegen erfolgter Besetzungen. Doch es wurde nicht nur Wohnraum geschaffen, sondern wertvolle historische Stadtsubstanz erhalten.

Bühlstraße, Kreuzbergring – durch all diese Viertel wollte eine Große Koalition eine vierspurige Straße bauen. Wer sich das vorstellen will, denke sich die Ortsumgehung Waake quer durch das Ostviertel. Hausbesetzer haben dies verhindert. Sie haben dabei gegen Gesetze verstoßen, Rechtsbruch begangen – aber sie hatten Erfolg. Die Häuser blieben stehen, wurden saniert, sind bewohnt.

Als Anfang der Achtziger Jahre in Göttingen gut Zehntausend Wohnplätze fehlten, aber die Gebäude der alten Uniklinik völlig leer standen, wurde zunächst die ehemalige Augenklinik, dann die Innere Medizin besetzt. Zeitweilig lebten bis zu 1000 Menschen über Monate in den besetzten Häusern und verwalteten sich selbst. Beendet werden konnten diese Besetzungen erst, nachdem für gut 250 Menschen Ersatzwohnraum in anderen Unigebäuden beschafft worden war.

Diese Hausbesetzungen legten auch die Basis für eine damals neue Kraft im Göttinger Rat – die Alternativ-Grüne-Initiativen-Liste, AGIL, heute die Grünen. Und was nahmen sich die Hausbesetzer vor? Die alte Lokhalle hinter dem Bahnhof sollte nicht abgerissen sondern zum Veranstaltungszentrum werden. Sie wurden dafür erst verlacht, dann beschimpft. Am Ende wurde es gemacht.

Göttingen wäre städtebaulich ohne die Hausbesetzer heute ärmer. Besetzt wurde mit revolutionärem Schwung. Und dieser wirkte im Ergebnis konservativ. Besetzungen erhielten Wohnraum und historische Bausubstanz. Sie bewahrten ein gewachsenes Stadtbild. Der Rechtsbruch als wertkonservative Aktion.

Beitrag auf Anfrage des Göttinger Tageblatts vom 18.5.2018

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