Anlässlich der Jahrestagung des chinesischen Volkskongresses erklärt Jürgen Trittin, Mitglied im Auswärtigen Ausschuss:
Corona-bedingt beginnt in Peking die Jahrestagung des chinesischen Volkskongresses mit zehn Wochen Verspätung. Die Coronakrise hat für China schwere ökonomische und politische Folgen. Die Wirtschaft Chinas ist im ersten Quartal 2020 erstmalig seit 1976 geschrumpft. So scheut Ministerpräsident Li Keqiang jetzt eine Wachstumsprognose. Die Nervosität der chinesischen Herrschaft ist unübersehbar. Für die autoritäre Herrschaft Xi Jinpings stellen solche Entwicklungen Systemfragen. So hat das angekündigte Investitionsprogramm mit zusätzlichen Staatsanleihen im Wert von einer Billionen Yuan nicht nur eine wirtschaftliche Bedeutung. Es soll auch Legitimation sichern.
Doch der für die Weltwirtschaft wichtige ökonomische Impuls wird begleitet von dem Versuch Xi Jinpings, nach außen wie nach innen Stärke zu demonstrieren. Der Militäretat wird weiter erheblich steigen, wenn auch nicht so erheblich wie zuletzt. Mit der ostentativen Machtdemonstration offenbart Chinas Führung gerade seine Nervosität und Schwäche.
Vor allem will der Volkskongress ein umstrittenes Sicherheitsgesetz für Hongkong beraten. Darin heißt es, „wenn nötig“ wolle Peking eigene nationale Sicherheitsorgane in Hongkong aufstellen und einsetzen. Sollte es dazu kommen, umgeht die chinesische Führung nicht nur das Regionalparlament Hongkongs. Sie hebelt damit den völkerrechtlichen Grundsatz „Ein Land, zwei Systeme“ aus. Dieser räumt Hongkong weitreichende Autonomie ein. Damit bestätigt Peking alle Sorgen der Demonstrierenden um die Zukunft ihrer Rechte. Die Führung in Peking legt so die Axt an das Fundament des internationalen Finanz- und Wirtschaftsstandorts Hongkong. Demokratie und Rechtstaatlichkeit sind die Voraussetzungen für den internationalen Handel in der Sonderverwaltungszone. Durch sie fließen immer noch 80 Prozent der ausländischen Direktinvestitionen in China sowie ein Großteil der chinesischen Auslandsinvestitionen. Mit dem Ende des Sonderstatus von Hongkong würde China paradoxerweise den Bestrebungen von US-Präsident Donald Trump zu einem Abkoppeln Chinas von der Weltwirtschaft einen großen Gefallen tun. Das ist nicht im Interesse Europas. Die Kanzlerin muss dies in ihrer EU-Ratspräsidentschaft Xi Jinping mit allem Nachdruck vermitteln. Der völkerrechtliche Grundsatz „Ein Land, zwei Systeme“ ist für die Beziehungen zwischen Europa und China nicht verhandelbar.
Verwandte Artikel
ARCHIV: auf dieser Seite gibt es (nichts NEUES) zu sehen
Mit meinem Ausscheiden aus dem Bundestag Anfang 2024 wird diese Seite nicht mehr gepflegt. Hier finden sich alle Beiträge, Pressemitteilungen, Blog- und Gastbeiträge bis zum September 2024. Neues und aktuelles gibt es auf meiner Website www.trittin.de
Weiterlesen »
Energiewende in Deutschland – und der Welt: Rede bei der 3. KlimAKonferenz am 17.09.24 in Berlin
Lieber Christian Theobald, Meine Damen und Herren, Vielen Dank für die Einladung. 1 Global Denken – Lokal handeln Aber ich wundere mich, dass sie mich eingeladen haben. Denn folgt man Sarah Wagenknecht, Markus Söder oder Stefan Brandner – also BSW, CSU oder AfD – dann sind „Die Grünen die gefährlichste Partei Deutschlands“. Warum sind wir…
Weiterlesen »
Und Tschüss! Warum ich nach 25 Jahren mein Mandat niederlege
Liebe Freundinnen und Freunde,
Liebe Britta, Liebe Katharina Herzlichen Glückwunsch zur Wiederwahl. Ihr ward so nett, mir zum Beginn unserer regulären Fraktionssitzung das Wort zu geben.
Vor einigen Wochen meinte Paula, sie hätte sich ja wohl auf meinen Platz gesetzt. Wir sind alle Gewohnheitsmenschen. Wenn die Handtuchregel auch künftig gilt, wird hier ab Januar der Platz von Ottmar von Holtz sein.
Ottmar wird für mich nachrücken. Ich werde im Januar mein Mandat niederlegen.
Ottmar kennt die Arbeit in der Fraktion. Er war von 2017 bis 2021 Mitglied der Fraktion. Manche kennen ihn als aktuellen Sprecher der BAG Internationales und Frieden.
Warum höre ich in der Mitte der Legislaturperiode auf?
Für einen politischen Menschen gibt es keinen guten Zeitpunkt aufzuhören.
Irgendwas ist immer, wo wir meinen gebraucht zu werden, wo wir nicht stillsitzen können und zuschauen. Ihr habt selbst gesehen, was mich in den letzten Wochen angetrieben hat – vom Terror der Hamas und dem Krieg im Gaza bis zur Klimaaußenpolitikstrategie.
Doch wir reden nicht vom Ende der Politik, sondern vom Ende meines Mandats.
Ich finde, 25 Jahre Bundestag sind ein guter Grund.
Weiterlesen »
Kommentar verfassen